Kritik: M. R. Winkel – Karasu 2

Der Ritter Avar wird aus dem Exil geholt, um für den König einen schier unmöglichen Auftrag zu erledigen. Eine Reise mitten in das Herz einer von Zombies überrannten Insel beginnt.

Jonas Heidebrecht

Jonas Heidebrecht

Abgekämpfte Männer, die sich durch einen subtropischen Jungel kämpfen. Mit den dürren Informationen eines einarmigen, betrunkenen Serienmörders, einem der vielen verfilzten Bewohner dieser verdammten Gefängnisinsel, stehen sie kurz davor den Mann zu finden, den zu suchen ihr König ihnen aufgetragen hat. Da waren sie noch 20, jetzt nur noch zwölf. Das wäre ein cooler Einstieg in Karasu gewesen. Wir lernen den Hauptcharakter aber auf einem Schiff kennen, wie er in die Ferne starrt. Weniger spannend. Vor allem weil das coole Setting einer Gefängnisinsel – die in meinem Kopf sofort wie Australien aussieht – und die auf ihr stattfindenden Gräultaten nur angerissen werden. M. R. Winkel (Ja, das mit den Initialen scheint er ernst zu meinen) tappt in eine der gängigsten Fallen der Geschichtenerzähler: Er erzählt, anstatt zu zeigen.

Dies zieht sich leider vor allem durch die erste Hälfte des Buches. Die Charaktere erscheinen austauschbar. Es fehlt ihnen an Tiefe und Individualität. In meinem Kopf klangen sie alle gleich. Die Sprache eines Söldners unterscheidet sich kaum von der eines königlichen Beraters, der außerdem auch noch Wrumps heißt. Ernsthaft? Ist der aus den 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär geflohen? So Namen gehen nur bei Walter Moers oder Terry Pratchett.

Außerdem bleiben die Beweggründe der Hauptpersonen, warum sie sich auf ein Himmelfahrtskommando einlassen, vollkommen schleierhaft. Sie stapfen stumpf dahin, wohin man sie führt, ohne ihre Situation zu hinterfragen. Der Autor opfert leider die Motivation und damit die Identifikation mit den Charakteren der mysteriösen Verschleierung nur damit er am Ende des Buches etwas zu enthüllen hat.

Der Hauptcharakter Avar hat wohl Traumatisches als Ritter erlebt und getan, aber Auswirkungen dieser Erlebnisse zeigen sich nur im Schlaf, wenn er für die Geister der Getöteten Scheherazade spielt. Tagsüber ist er ganz umgänglich, vielleicht etwas griesgrämig. Was er getan hat und vor allem warum bleibt bis zum Ende des Buches ein Geheimnis des Autors. Das macht ihn leider als Charakter nicht besonders spannend. Warum auch ausgerechnet er mühsam aus dem Exil zurückgeholt wird, anstatt einfach den zweitbesten Ritter zu rekrutieren, bleibt mir schleierhaft. Die interessanteste Person des Buches ist die Priesterin Ghira, die nicht nur ein paar wirklich coole Magietricks beherrscht, sondern auch nicht so rüberkommt als wäre man ihr schon in zich anderen Büchern begegnet. Auch wenn man bei ihr nicht wirklich weiß, warum sie macht was sie macht.

Ab der Mitte des Buches zieht es deutlich an und wird unterhaltsamer. Was daran liegt, dass der Fokus von den Charakteren weg zu mehr Kampfszenen schwenkt. Diese sind gut und flott geschrieben. Das Zombies aber nunmal nicht die spannendsten Gegner sind, liegt nunmal am Wesen des Zombies selbst. Sie sind nicht besonders helle, aber dafür bei Winkel zumindest nicht total lahmarschig und deswegen einen Tick schwerer zu killen. Trotzdem ist die einzige Taktik, die den Zombies zum Sieg verhilft, pure Masse – mehr Zombies! Das sorgt nicht für kombatantische Abwechslung.

Bei den Kämpfen geht es auch ordentlich zu Sache: Blut, Gedärme, abgetrennte Gliedmasen. Der Autor verspricht Grimdark. Was brutale Sterbearten bertrifft bekommt das der Leser auch. Für mich ist Grimdark jedoch mehr als Brutalität und eine allgemeine düstere Stimmung. Es sind die moralischen Zwickmühlen, die grausame Realität, die eine bessere Welt verhindert, und das Leiden mit den Charakteren, die Grimdark ausmachen. Ja, es sterben so was wie Hauptcharaktere. Kommt es zu Martinesken „Nein, nicht der!“-Ausrufen? Nö. Da der Leser wenig Identifikation mit den Charakteren aufbaut, sterben sie ohne, dass er mit der Wimper zuckt. Über moralisch zweifelhafte Entscheidungen geht der Autor mit zwei Sätzen hinweg. Und sie haben im späteren Verlauf auch keinerlei Konsequenzen.

Der Bösewicht gerät recht passabel. Für die Weltherrschaft ist er jedoch nicht gemacht. Würde er nicht zufällig auf einer wichtigen Ressource sitzen, wäre er für das Weltgeschehen vollkommen irrelevant. Auch wenn die Geschichte rund um die Priesterin zumindest andeutet, dass das anders sein könnte.

Rein formal ist Karasu ein gutes Buch eines unabhängigen Autoren. Das Cover ist gut, Rechtschreibung und Grammatik solide. Die Formatierungen funktionieren in meiner Kindle-Version wunderbar. Ein guter Lektor hätte der ein oder anderen ungelenken Situationsbeschreibung noch etwas schlief gegeben. Ansonsten, eine solide Arbeit.

Fazit: Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut. Auch wenn Zombies nicht ganz mein Ding sind klang die Buchbeschreibung gut. Außerdem wollte ich gerne mal wieder etwas von einem deutschen Autor lesen, erst recht von einem, der das schreckliche deutsche platte Einerlei aus Zwergen, Orks und Elfen hinter sich lässt. Leider ist Karasu zwar ein pasables Erstlingswerk, aber keines, das die Schublade hätte verlassen sollen. Ich hoffe der Autor lässt es sich von so Schwarzschreibern wie mir nicht verderben und macht weiter. Da ist Potenzial für mehr.

Autor: M. R. Winkel
Titel: Karasu
Verlag: –
Ausgabe: Deutsche Ausgabe, 2015
ISBN: –

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2 thoughts on “Kritik: M. R. Winkel – Karasu

  1. Reply Maarten Mai 17, 2016 14:50

    Außerdem wollte ich gerne mal wieder etwas von einem deutschen Autor lesen, erst recht von einem, der das schreckliche deutsche platte Einerlei aus Zwergen, Orks und Elfen hinter sich lässt.

    Genau die Suche hat mich auch zu Karasu gebracht und weil ich mal eine andere als die Amazon-Meinungen lesen wollte, zu Deinem interessanten Blog, den ich noch nicht kannte.

    Geschmacklich scheinen wir zumindest Überschneidungen zu haben, so habe ich z.B. Abercrombie und Lawrence ebenfalls sehr gerne gelesen. Sanderson hingegen habe ich immer nach der Leseprobe weggelegt. Und mit Pratchett konnte ich mich bisher auch nicht anfreunden (was auch daran liegen könnte, dass ich Übersetzungen gelesen habe, ich sollte mal das Original probieren.)

    Karasu habe ich noch nicht gelesen, ich werde trotz Deiner Kritik mal einen Blick in die Leseprobe werfen. Ich habe vor einiger Zeit Winkels ‚Die Hexe von Dunner‘ gelesen und kam zu einer ähnlichen Einschätzung wie Du jetzt bei Karasu: Viel Talent, aber es muss noch reifen. Mal sehen…

    Um mal ein paar Anregungen zurück zu geben:

    – Deutsche Fantasy:
    Abseits vom ZwergOrksElfen-Einerlei ist man schnell bei den SelfPublishern und dort ist Qualität doch eher selten. Mir gefällt in dem Bereich Horus W. Odenthal ausgesprochen gut. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass Du taffe Frauencharaktere magst? Dann könnte Homunkulus was für Dich sein, ein relativ kurzer Fantasy-Thriller (etwa 350 Seiten).
    Noch besser gefällt mir seine (noch nicht abgeschlossene) Serie um die ‚Verlorenen Hierarchien‘: Urban-Fantasy, die sich anfühlt wie eine Mischung aus Akte-X, Sons of Anarchy und Elfen, um dann ab Band 7 das Genre in Highfantasy zu wechseln. Das klingt abgekupfert, entpuppte sich für mich aber als ein eigenständiges und durchaus gelungenes Worldbuilding.
    Das Bekannteste von ihm hingegen ist seine Ninragon-Trilogie, die ist allerdings gleichzeitig die schwerste Kost. Es liest sich wie ein Fantasy-Antikriegsroman, was viele vor den Kopf stösst.

    – Ausländische Fantasy:
    Ein Autor, der mich in seinen Intentionen an Odenthal erinnert (ich sollte das andersherum schreiben, aber in der Reihenfolge habe ich sie gelesen), ist Richard K. Morgan: Er schert sich überhaupt nicht um die Konventionen des Genres und baut gerne auf Charaktere und Metaebene. Seine ‚A land fit for heroes‘-Trilogie ist ähnlich wie Lawrence Broken-Empire-Trilogie eine post-apokalyptische Welt, die unverkennbar im gleichen Universum liegt, wie seine Science-Fiction-Romane. Grimdark ohne jede Romantik.

    • Reply Melanie Feldmann Jul 4, 2016 15:58

      Hi Maarten,

      erst Mal ein dickes „Sorry“, dass ich dein Kommentar erst jetzt freischalte. Ich wühle mich gerade durch die Malazan-Bücher und schreibe deswegen gerade wenig an meinem Blog.

      Danke auf jeden Fall für deine Tipps. Die schaue ich mir gerne einmal genauer an. Es lebe die Leseprobe! 🙂

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