Die Besessenheit der Buchkritiker

Der Blick schweift über das Buchregal, ein nettes Cover, ein neuer Autor sticht ins Auge. Schwupps hat man das gute Stück in der Hand und umgedreht. Mal schau’n was die kurze Inhaltsangabe auf der Rückseite verrät. Spätestens jetzt fällt der Blick auf die Kurztexte, die aus Rezensionen bekannter Medien zitieren. In viel zu vielen Fällen liest man dann: Ein neues Mittelerde, er ist ein wahrere Erbe Tolkiens und unzählige Variationen dieser Aussage. Spätestens jetzt möchte ich das Buch am liebsten wieder zurück ins Regal legen. Diese absolute Besessenheit jeden Fantasy-Autor meistens eher früher als später mit Tolkien zu vergleichen ist eine Unsitte, die mir vollkommen schleierhaft ist. Denn sie wird weder dem Autor noch dem Großvater der Fantasy gerecht.Ein neues Mittelerde

Man muss sich die Hintergründe von Tolkiens Werk genauer anssehen, um zu erkennen wie vermessen diese Gleichsetzung oft ist. Tolkien wollte mit seinem Herr der Ringe eine legendäre Geschichte schaffen, wie die alten Sagen der Nordischen Mythologie. Er entwarf nicht nur eine Welt mit Flüssen, Seen und Bergen. Er kreierte Gesellschaften, Sprachen, Religionen, Geschichte bis ins Detail. Ein Ergebnis davon ist, dass Rollenspieler heutzutage Tolkiens Elfensprache Sindarin sprechen, wenn sie ihrem Charakter glaubwürdig machen möchten. Diese dokumentierte und veröffentlichte Komplexität haben im Bereich der Fantasy nur Rollenspiele und ihre Regelwerke erreicht, die über Jahre weiterentwickelt wurden. Fantasy-Welten sind oft eher wie die alten Landkarten des Mittelalters: kleine Flecken bekannten Gebiets sind umgeben von weißen Stellen und der Feststellung „Hier leben Monster“.

Er ist ein wahrer Erbe Tolkiens
Zu dieser Aussage muss man zwei Dinge berücksichtigen. Zum Einem: Tolkien und seine Werke durchziehen die Fantasy-Literatur mit all ihren Seitenarmen – sei es Pen&Paper oder Computerspiele – so stark, dass man jedes Fantasy-Werk als Erbe Tolkiens sehen kann. In fast jedem Werk findet sich eine Referenz auf Ideen, die Tolkien in seinem Werk vereint hat. Kein Fantasy-Autor kann sich davon freisprechen, von Tolkien beeinflusst worden zu sein.

Zum anderen ist es aber so, dass ein Erbe im literarischen Sinne mehr sein muss als ein bloßer Verwalter alter Ideen. Ein Erbe muss Altes neu interpretieren, es weiterentwickeln, manchmal hinter sich lassen und etwas Neues beginnen. Das gelingt bei weitem nicht jedem Fantasy-Autor, der den Tolkien-Stempel aufgedrückt bekommt.

Das bei weitem schlimmste ist aber meiner Meinung nach der Umgang vieler Kritiker mit dem Namen Tolkien. Er wird zu bloßem Namedroping fallengelassen, wie es in Hollywood üblich ist, oder benutzt wie das Profilierungs-Fremdwort in Spiegel-Artikeln. Seiner Bedeutung für das gesamte Genre der Fantasy werden diese lapidaren Kommentare nicht gerecht. Er war der Start für die Fantasy, wie wir sie heute kennen. Man kann doch die Kinder nicht mit dem Großvater vergleichen – ohne ihn hätte es sie niemals gegeben.

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