Kritik: Scott Lynch – Die Lügen des Locke Lamora 1

Locke Lamora ist ein Held. Nein, eigentlich ist er das nicht: Er ist ein Dieb, ein Lügner und ein Ganove, wenn auch mit guten Manieren. Mit seiner Bande bewegt er sich in den Kanälen und engen Gassen des Herzogtums Camorr, um die Nobilität um ihre Schätze zu erleichtern. Und darin ist Locke unschlagbar, denkt er zumindest.

Die Luegen des Locke Lamora von Scott LynchScott Lynch entführt den Leser mit Die Lügen des Locke Lamora in die heruntergekommenen Straßen vor Camorr. Eine Stadt wie ein Konglomerat aus Venedig und London. Auf der einen Seite die Kanäle, Brücken und fantastischen Bauten. Auf der anderen Seite Nebel, dreckige Gassen und eine Stimmung, die an Jack the Ripper erinnert. Das Setting fühlt sich an wie ein spätes 17. Jahrhundert. Handwerker und Kaufleute gewinnen an Macht. Die Wissenschaft ist wichtiger als die seltene Magie. Alchemisten und die uralten Bauten unbekannter Herkunft – das Elderglas – verpassen dem Ganzen den richtigen Tick Mystik und Fantasy.

In diesen Gassen – oder eher der Gosse – treffen wir auf den jungen Locke Lamora: ein Waise, ein Taschendieb. Ihm folgen wir auf dem Weg zu Camorrs berüchtigstem Dieb. Zusammen mit den anderen Mitgliedern der Gentleman Bastards, Jean Tannen, den Zwillingen Calo und Galdo sowie dem jungen Bug, erleichtert er die Aristokratie von Camorr um ihr Geld. Das Wunderbare dabei ist, wie sie es tun. Ein simpler Einbruch liegt weit unter ihrem Niveau. Sie hecken ausgefeilte Pläne aus, um den Adeligen mit getürkten Handelsabkommen, Erpressungen oder anderen Raffinessen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und sie machen sich dabei nicht nur die Aristokratie zum Feind. Es ist eine wahre Freude den halsbrecherischen Plänen und grandiosen Dialogen zu folgen.

Zwischendrinnen findet Lynch noch Zeit seine Charaktere weiterzuentwicklen: Sie lernen, sie scheitern, sie wachsen. Vor allem die Dynamik zwischen Locke und seinem besten Freund Jean bringt viel Tiefe in beide Charaktere. So sympathisch die Charaktere auch sind,  dennoch begleitet den Leser die ganze Zeit die moralische Frage, ob die Jungs wirklich das richtige tun, ihre Talente für Verbrechen zu nutzen.

Die originellen Charaktere und das wunderbare Setting packt Lynch in ein schwungvolles Storytelling. Zum Ende hin zieht er das Tempo der Geschichte deutlich an. Man möchte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Dazu würzt er Die Lügen des Locke Lamora immer wieder mit Rückblicken. So bringt er dem Leser spannende Details über die Kultur, die Geschichte Camorrs und die Charaktere häppchenweise näher und fabriziert außerdem unglaublich fiese Cliffhanger, wenn er an einer spannenden Stelle erstmal einen Rückblende einschiebt. Das Spiel mit der Zeitlinie ist super gelungen – Andrzej Sapkowski ist hier ein guter Vergleich.

Scott Lynchs Die Lügen des Locke Lamora ist ein wunderbares, temporeiches Buch, das man am ehesten noch mit Diebesgeschichten wie Ocean’s Eleven vergleichen kann: Die Story von einfach sympathischen Schurken. Nieder mit Elfen, Zwergen und Orks! Es leben die Ganoven! Für noch ein Quentchen mehr Leseerlebnis empfehle ich den Gentleman Bastards Read Along von Fantasy Faction. In vier Teilen gibt es Detailbesprechungen und Kommentare, die zum Grübeln und Philosophieren anregen: Kapitel 1 bis 4, Kapitel 5 bis 8, Kapitel 9 bis 12 und Kapitel 13 bis 16.

Autor: Scott Lynch
Originaltitel: The Lies of Lock Lamora
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag, München
Ausgabe: Deutsche Erstausgabe 04/07
ISBN: 978-3-453-53091-1

One comment on “Kritik: Scott Lynch – Die Lügen des Locke Lamora

  1. Reply Daniel Okt 8, 2013 19:08

    In Prag verschlungen. Geniales Buch. Wer das nicht liest ist doof!

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